Dienstag, 12. Februar 2013

Abgerutscht (Marliese Arold)

Die 17-Jährige Nina in dem Buch "Abgerutscht" von Marliese Arold hat es zu Hause nicht mehr ausgehalten, ihre Eltern, denen nur wichtig war, dass sie sich mehr leisten konnten als andere, die Christlichkeit heuchelten, nur weil ihr Bruder Florian Erstkommunion hatte. Sie nimmt ihr Erspartes, packt ihre Lieblingssachen und kauft eine Fahrkarte nach Hamburg, weit weg von zu Hause, wo sie niemand kennt. Hier wird sie ihren Weg machen, da ist sie sicher. Und eigentlich fängt es auch nicht schlecht an, sie trifft auf dem Bahnhof jemanden, der ihr einen Tipp gibt, wo sie schlafen kann. Für einen Teil ihres Ersparten kann sie dort ein Zimmer mieten. Die Vermieterin beschafft ihr sogar einen Job.
Doch dann begegnet ihr bei einer Miss-Wahl, an der sie eher aus Spaß teilgenommen hat, Jonas, der Fotograf, der ein schickes Auto fährt und so süß ist, dass Nina ihm kaum wiederstehen kann. Was heißt kaum? Sie kann ihm nicht widerstehen, obwohl er sie direkt nach dem Liebesakt fotografiert, obwohl er sie zu Probeaufnahmen vermittelt, die eindeutig zweideutig sind, obwohl er sie schlägt, obwohl er ihr vorschlägt, mit anderen Männern zu schlafen, um seine Schulden zu tilgen. Die Liste der "Obowohls" ließ sich spielend erweitern und mit jedem Obwohl fühlt sich der Leser unwohler und fasst es nicht, dass Nina das alles mit sich machen lässt. "Wach doch auf, Mädchen", möchte man ihr zurufen. Aber man kann nun mal nicht in ein Buch hineinrufen, aber vielleicht ruft das Buch ja Mädchen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie Nina anfangs zu: "Wach doch auf!" Nicht an jedem Ende einer Reise wartet das Glück, bei Nina nicht und auch in der Realität nicht. Eher selten sogar, gerade in der heutigen Zeit. Nina wird es sicher schaffen, ihren eigenen Weg zu finden, sie hat am Ende Glück im Unglück oder einen Schutzengel, der sie … doch das sollte jeder selbst lesen.
Marliese Arold ist es gelungen, eine bedrückende und zugleich spannende Story zu entwickeln, die zwar erfunden, aber durchaus realistisch ist. Auch die Naivität Ninas und ihre Bereitschaft, für ihre große Liebe alles zu tun, ist leider sehr wirklichkeitsnah. Aber vielleicht rüttelt die Lektüre des Buches ja die eine oder andere Leserin auf. Schon wegen dieser Hoffnung sind dem Buch viele Leser zu wünschen.
Überraschend war für mich, dass das Buch erstmals 1996 erschienen ist, gerade mit Blick auf die Diskussion über Loverboys fand ich es so aktuell, dass ich nicht darauf gekommen wäre, hätte ich nicht zufällig auf den Erscheinungstermin im Impressum geschaut.
Umso neugieriger war ich auf die Antworten zu meinen drei Fragen, die Marliese Arold mit dankenswerter Weise geschickt hat. 


1. Wie bist du auf die Idee für diese Geschichte gekommen?
Ich schrieb seinerzeit eine Mädchenreihe für Loewe. Jedes halbe Jahr erschien ein Band, und im Mittelpunkt sollte immer ein Junges Mädchen mit einem speziellen Problem stehen. Die Themen wurden mit dem Verlag abgesprochen - und Prostitution war der Wunsch des Verlags.

2. Wie viel Realität steckt in dem Buch?
Ich habe mich dann so gut wie möglich in das Thema eingearbeitet - mit Büchern und Zeitschriften/Zeitungsartikeln. Internet gab es ja zu dem Zeitpunkt noch nicht, zumindest nicht für jedermann. Meine Recherchen ergaben, dass Mädchen wohl zur Prostitution gezwungen werden, indem man sie in die Schuldenfalle lockt. Eine Verlängerung der Haare (teuer!) oder wie im Buch geschildert - etwas Teueres, was kaputt geht - das sind die üblichen Tricks. Auch der persönliche "Einsatz" des Zuhälters, der dem Mädchen Sympathie und Liebe vorgaukelt … 


3. Das Buch ist erstmals 1996 erschienen, was hat sich deiner Meinung nach seitdem geändert? Und was hast du überarbeitet?
Seit 1996 dürfte das Internet eine größere Rolle spielen , auch Sendungen wie GNTM. Den Traum, Model zu werden, träumen weiterhin viele Mädchen - und sicher gibt es etliche "Agenturen", die unseriös arbeiten.Für die Neuauflage habe ich mich nicht noch einmal intensiv in das Thema eingearbeitet, sondern den Text nur sanft modernisiert, was z. B. den Umgang mit Handys angeht. Die waren 1996 nämlich auch noch eine Seltenheit … 

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