Montag, 7. Januar 2013

Aus der Bücherkiste gefischt

Zwischen den Jahren habe ich auch den Bücherstapel gesichtet, der immer auffordernd neben meinem Bett lag. Er wurde gefährlich, weil er einzustürzen drohte - aufs Bett in der Höhe des Kopfkissens. Neben Gina Mayers wunderbaren, aber leider nicht mehr mehr lieferbaren Romanen "Die Protestantin" und "Das Medaillon" lag dort auch eine Biografie aus dem Jahr 1974. Aus der Zeit, als ich mich gerade von meinen Barbie-Puppen trennte. Es war die Biografie von Lilli Palmer, "Dicke Lilli - gutes Kind", die ich in einer Bücherkiste auf dem Flohmarkt für 50 Cent erstanden habe. Für 50 Cent kann ich sie auch ungelesen abgeben, dachte ich und habe das Buch dann doch aufgeschlagen. Es hat mich genauso gefesselt wie Ginas Romane. Mir war gar nicht klar, dass Lilli Palmer Jüdin war und schon in den ersten Monaten nach Hitlers Wahlsieg emigriert ist.

Das Buch zeigt nicht nur, wie eine Frau mit einem starken Willen und eine Vision immer wieder aufsteht und weiter auf ihr Ziel hinarbeitet. Es beweist auch, dass in Deutschland vor dem Krieg sehr viel mehr möglich war, als wir heute denken.
Und das Buch ist eine Quell der Informationen und Ideen für Autoren, beschreibt Lilli Palmer doch sehr genau das Leben vor dem Krieg, ihr Leben in der Emigration in Frankreich und Großbritannien. Beeindruckend ihre Schilderungen von Erlebnissen mit Menschen, die ich nur aus Filmen kenne, und erschreckend, dass auch in den 50er Jahren die Paparazzis schon ein unbeschwertes Leben verhindern konnten.
Zwischendrin finden sich zum Weiterdenken versteckt kleine Lebensweisheiten, die einen zum Nachdenken anregen. Am meisten gelacht habe ich schon auf Seite 18 und 19, für alle, die das Buch kennen, sage ich nur Zugfahrt mit Mama :-) Und als Pädagogin bin ich bei der Idee des Kindermädchens hängen geblieben, das den Sohn des Hauses jeden Samstag aufforderte, sich selbst ein Zeugnis auszustellen mit Fächern wie "Hilfsbereitschaft" oder "Aufräumen", "Benehmen auf dem Spielplatz" oder "Ton gegenüber den Eltern".
Lilli Palmer wäre heute 97 Jahre alt, sie ist 1914 geboren und starb 1986. Ich habe sie nur mit deutschem Fernsehen in Verbindung gebracht, dabei war sie auch Filmschauspielerin, drehte in Hollywood und spielte am Broadway. Solltet ihr das Buch auf dem Flohmarkt finden oder beim Auflösen eines Haushalts in die Hände bekommen - reinschauen lohnt sich allemal.

Kommentare:

  1. Das klingt spannend! Obwohl Lilli-Palmer-Filme mich durch meine Jugend begleitet haben, habe ich die Biografie nie gelesen. Das werde ich jetzt nachholen. Hab's gleich bestellt.

    Herzlichst
    Marie
    (begeistert von Annettes Blogroll, die mich hergeführt hat)

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  2. Ich habe das Buch auch - irgendwo zwischen Bücherstapeln vergraben und nie gelesen, weil ich immer dachte: Was soll ich denn mit Lilli Palmer. Jetzt hast du mich richtig neugierig gemacht.
    Gruß Annette

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  3. Liebe Annette, mir ging es genauso, das lag ewig herum und ich habe mich gefragt, wieso ich das eigentlich gekauft habe. Ich hatte mal einen Sammelwahn und habe jede Biografie gekauft, die mir in die Finger gefallen ist. Aber jetzt bin ich richtig froh, dass ich sie gelesen habe. Viel Spaß bei der Lektüre, dir natürlich auch Marie

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