Dienstag, 20. September 2011

Fesselnder Roman über eine junge Auswanderin in Namibia

Wir sind im Jahr 1900 in der Wuppertaler Kohlstraße, einer Gegend, in der die Menschen arm sind und gerade genug zum Leben haben, wenn überhaupt. Die sechzehnjährige Henriette ist unglücklich, ihr größter Traum, der Besuch des Lehrerinnenseminares, wird nicht in Erfüllung gehen. Ohne ihr Wissen hat die Mutter das Geld, das der verstorbene Vater zurückgelegt hat, ausgegeben. Stattdessen soll Henriette sich auf einem Bauernhof verdingen und Dienstmagd bei einer unsympathischen Bäuerin mit einer ebenso unsympathischen Magd werden.

Mit einer Lüge gelingt es Henriette, die Mutter zu überzeugen, dass das nicht der richtige Weg für sie ist. Daran wird sie noch oft zurückdenken, in den einsamen Zeiten im kargen Namibia, in das sie ihre Mutter hineingeschwindelt hat. Wer konnte auch ahnen, dass der Missionar, der in einem Brief um die Hand der Mutter angehalten hat, ein so lebensfeindlicher Mensch ist, dass die Mutter schon bald sterben wird und Henrietta einsam auf einer Missionsstation leben wird. 
Doch Henrietta lebt nicht nur in der Wildnis, sie hat sie auch in sich. Sie gibt nicht auf, sie will einen Weg aus dieser Misere finden und macht sich zusammen mit dem Einheimischen Petrus auf den Weg zu den einzigen Menschen, die sie in Afrika kennt. Eine gefährliche Reise, die ihr Seele, ihren Körper und ihr Herz bedroht. Sie merkt, dass sie ihrem Begleiter stärker zugetan ist, als sie es sein sollte in diesem Land und in einer Zeit, in der Schwarze noch „Hottentotten“ oder „Kaffern“ genannt werden und als Menschen zweiter Klasse angesehen und behandelt werden.
Gina Mayer ist wieder einmal ein beeindruckender Roman gelungen, dem man anmerkt, dass sie sorgfältig recherchiert hat und dass sie dafür begabt ist, sich in die Psyche und das Denken von Menschen einzufühlen, die lange vor ihrer Zeit gelebt haben. Man kann sich Henrietta gut vorstellen, die von ihrem Vater, einem Lehrer, gefördert und zum Denken angehalten wurde, was der Mutter schon zu Lebzeiten des Vaters missfiel. Nach dem Tod des Vaters versucht sie das zu unterbinden, doch Henriettas Gedanken sind frei und spazieren in Sphären, mit der niemand aus ihrer Umgebung etwas anfanden kann. So stellt sie sich das Leben in Namibia, das sich ihr scheinbar auf dem Präsentierteller anbietet, leicht und abenteuerlich vor. Woher soll sie 1900 auch wissen, dass Deutsch-Südwestafrika, wie Namibia damals heißt, ein unterentwickeltes Land ist, in dem Steinhäuser selten sind und sogar Essen ein Luxus ist. Die Überfahrt scheint die Hoffnung auf das Abenteuer zu bestätigen, doch schnell wacht sie auf und erkennt, dass sie vom Regen in der Traufe gelandet ist. Sie gibt jedoch nicht auf, sondern bleibt sich selbst treu. Gina Mayer schafft es, die Stereotype, die es damals nun einmal gab, geschickt einzubinden, doch zugleich zeigt sie auch, dass es selbst in jener Zeit junge Frauen gab, die ihren eigenen Kopf hatten und es wagten, ihn durchzusetzen und auf ihn zu hören, wenn das Herz etwas anderes sagt.
Ein Buch, das fesselt und einen im wahrsten Sinne des Wortes in eine Zeit entführt, über die wir wenig wissen, weil unsere Großeltern zu der Zeit selbst noch Kinder waren oder gar nicht gelebt haben. Unbedingt lesenswert!

Bei dem Buch bin ich besonders neugierig, habe mich aber dennoch auf drei Fragen beschränkt:

Woher weiß man, wie Menschen zu Henriettas Zeit gelebt und gedacht haben?
Ich schreibe ja nicht übers Mittelalter - Henrietta ist gerade einmal zwei Generationen von meiner entfernt. Sie hätte meine Großmutter sein können. Ich denke, dass die Lebensträume und Wunschvorstellungen der damaligen Frauen durchaus mit den unseren vergleichbar sind. Immerhin gab es um 1900 bereits viele berufstätige Frauen, die ein selbstbestimmtes Leben lebten, und eine internationale Frauenbewegung. Und Henrietta wurde – wie du selbst oben schreibst – „zum Denken“ erzogen.

Du bist für dieses Buch nach Namibia gereist. Wie spiegelt sich das in dem Buch wider?
Ich hab natürlich viele Archive besucht und mit Historikern vor Ort gesprochen. Vor allem aber habe ich das Land auf mich wirken lassen. Die Wüste, die Tierwelt, das Licht, diese Weite - das alles muss man einfach gesehen und erlebt haben, bevor man darüber schreiben kann.
Durch die Reise habe ich auch ein besseres Gefühl für die tatsächlichen Entfernungen in diesem riesigen Land bekommen. In meinem ersten Textentwurf haben Henrietta und ihre Mutter die Reise von Swakopmund in ein paar Tagen zurückgelegt. In Wirklichkeit hätten sie für die Fahrt mit dem Ochsentreck Wochen gebraucht.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das dich zu diesem Buch gebracht hat?
Der erste Auslöser war ein Besuch im Archiv der Vereinigten Evangelischen Mission in Wuppertal. Ich habe damals für ein anderes Buch recherchiert und bin zufällig auf die Lebensberichte von Missionarsfrauen gestoßen, die im 19. Jahrhundert aus Deutschland nach Afrika gereist sind, um dort einen wildfremden Mann zu heiraten. Damals habe ich beschlossen, irgendwann mal ein Buch über diese mutigen Auswanderinnen zu schreiben. Und jetzt ist es fertig.

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