Samstag, 2. Juli 2011

Einen Schüler vom Schüler aus beurteilen

Heute las ich in der ZEIT, dass es wieder eine neue Reform geben soll, die Schreibschrift soll abgeschafft werden. Für manche der Schüler, die ich in meinen Lerncentern Die Lernbegleiter unterrichte, wäre das eine Erlösung, weil sie sich – nach einem Schulwechsel zum Beispiel – schwer tun, die von der Lehrerin gewünschte Schreibschrift zu schreiben. Wie auch, sie haben ja eine andere Schrift in der anderen Schule gelernt. 

Und da bin ich genau bei dem Gedanken, der sich mir immer wieder stellt: Warum gibt es keine Reform, die da lautet: Beurteilen vom Schüler aus. Zwar ist überall von individueller Förderung die Rede, aber von individueller Bewertung hört man nichts. Erst gestern hatte ich ein Gespräch mit einem Siebtklässler, der die Arbeiten in einem Hauptfach 4, 4 und 2 geschrieben hat. Die Lehrerin hat ihm erklärt, er bekäme eine Vier auf dem Zeugnis, weil der Durchschnitt der Arbeiten nun mal vier sei. Abgesehen davon, dass ich mich frage, wo die Lehrerin gelernt hat, den Durchschnitt zu berechnen, frage ich mich: Warum kann die Lehrerin dem Jungen nicht eine 3- geben, wo an den Arbeiten schon deutlich wird, dass er sich Mühe gegeben hat, besser zu werden?
Diese Frage habe ich mir auch bei dem Drittklässler gestellt, der sich damit gequält hat, die Normschrift zu lernen, die seine Lehrerin verlangte. Warum konnte die Lehrerin nicht einfach bewerten, ob die früher gelernte Schrift lesbar ist und ansonsten auf den Inhalt achten?
Wir erleben es in unseren Lerncentern immer wieder, dass die Anstrengungen der Schüler, sich zu verbessern von Lehrern nicht beachtet werden. Schlimmer noch: Es kommt auch vor, dass den Schülern vorgeworfen wird, dass sie ja nur dank Nachhilfe besser geworden wären.
Trotz dieser Erfahrung gehe ich immer noch davon aus, dass den meisten Lehrern jeder einzelne Schüler wichtig ist. Das versuche ich auch den Schülern zu vermitteln, die enttäuscht vor mir sitzen, weil das ganze zusätzliche Lernen keine Früchte trägt. Aber es gibt eben auch Ausnahmen, denen würde vielleicht eine Reform helfen, bei der sie daran gemessen werden, wie gut ihre Schüler sind und wie sie sich entwickelt haben. Nur sollte das nicht wieder mit Lernstandserhebungen ermittelt werden, auf die die Schüler zwei, drei oder vier Monate vorher vorbereitet werden!

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