Montag, 21. März 2011

Ein fesselnder Einblick ins Mittelalter "Die Geliebte des Sarazenen"

Bei diesem Buch habe ich zum ersten Mal festgestellt, dass es doch manchmal gut ist, wenn man eine Autorin und ein Buch trotz des Titels liest. Wenn das nicht wäre, hätte ich wirklich ein Leseabenteuer verpasst. Ich gebe zu, ich hätte das Buch mit dem Titel „Die Geliebte des Sarazenen“ von Christiane Lind nicht gekauft, weil ich einen Liebesroman erwartet hätte und das ist nicht mein bevorzugtes Genre. Aber wenn man den Autorennamen kennt, lässt man sich ja – in diesem Fall: zum Glück – auf Abenteuer ein.

Schon die ersten Seiten haben mich gefesselt. Da lernt man die sechszehnjährige Leonore kennen, die von ihrem Vater mit sechs Jahren in ein Benediktinerinnenkloster gesteckt wurde und die von dem gleichen Vater nun Knall auf Fall nach Hause geholt wird. Man ahnt bereits, dass das nichts Gutes bedeutet. So ist es auch. Leonore wird mit einem Kollegen des Vaters, einem Fernhändler, verheiratet. Dass sie keine Ahnung davon hat, was ein Leben außerhalb des Klosters bedeutet, interessiert weder Vater noch angehenden Ehemann.
Kein Wunder, dass die Ehe Leonores nicht gerade erfreulich ist, zumal auch noch ihre missgünstige Schwiegermutter im Haus lebt und der ersehnte Stammhalter ausbleibt. Die kleine Tochter zählt für Leonores Ehemann nicht – zumindest so lange nicht, bis sie eingesetzt wird, um ihn zu erpressen. Und da beginnt die eigentliche Geschichte. Von einer Minute auf die nächste ist Leonores Ehemann mit der kleinen Tochter verschwunden. Ihre Schwiegermutter scheint das eher zu freuen als zu stören. So macht Leonore sich alleine auf den Weg, ihre Tochter zu retten. Sie dingt einen Kreuzritter und eine Magd, die sie auf dem Pilgerweg nach Jerusalem, wo sie ihre Tochter vermutet, zu machen.
Leonore, die vom Kloster direkt unter die Fittiche ihres Mannes kam und von der Welt nicht viel mehr kennt als die Kirche in der Nachbarschaft, gerät in ein aufregendes Abenteuer, das ihr die Bekanntschaft und die Liebe eines Sarazenen beschert und an dessen Ende sie schließlich ihre Tochter und ihre wahre Bestimmung findet.
Ein eindrucksvoller historischer Roman, der die Leser nicht nur in eine andere Zeit, sondern auch in eine andere Welt entführt. Auch wenn man es anfangs kaum glauben kann, dass eine Frau zur Zeit der Kreuzzüge, am ausgehenden 12. Jahrhundert, so agieren kann wie Leonore es tut, so erinnert man sich doch an die eine oder andere Frau, die ähnlich gegen ihr Schicksal aufbegehrt hat. Doch nicht nur die Darstellung der Rolle der Frau und des Lebens im Hochmittelalter fasziniert. Besonders gelungen ist die Verknüpfung der Kulturen und Welten, die Verflechtung zwischen Judentum, Christentum und Islam. Irgendwann dachte ich beim Lesen, das Ganze erinnert mich ein bisschen an „Nathan, der Weise“ und fand wenig später die Ringparabel wieder, an die ich beim Lesen gedacht hatte.
Aber wo ist nun die Geliebte, mag mancher zu Recht fragen. Das ist natürlich Leonore, doch selten war das Wort wohl so deplatziert wie im Titel dieses Buches. Leonore liebt, das ist richtig, doch sie wehrt sich lange gegen ihre Liebe aus Pflichtbewusstsein und Treue ihrem Mann und ihrer Tochter gegenüber. Erst im letzten Moment entscheidet sie sich für ihre große Liebe und erst im letzten Kapitel wird sie seine Geliebte, in dem Sinne, wie wir das gemeinhin verstehen. Doch das ist für die Handlung unwichtig und sollte niemanden davon abhalten, dieses wirklich lesenswerte Buch zu lesen.

1. Wie bist du auf die Idee für dieses außergewöhnliche Buch gekommen?
Den Anstoß gab der Film, Königreich des Himmels. Mich faszinierte vom ersten Moment an die Tatsache, dass Menschen von drei Weltreligionen im Heiligen Land zusammengelebt haben. Nach dem Film wollte ich gerne mehr über die Zeit und vor allem das Leben im Königreich Jerusalem wissen und habe aus Spaß ein bisschen recherchiert. Als Rowohlt die Ausschreibung für den historischen Roman 2009 startete, erschien mir das als Schicksal und ich habe die Recherchen vertieft und eine Geschichte entwickelt.

2. War es sehr aufwändig, für das Buch zu recherchieren, da es ja in verschiedenen Kulturen spielt und dann noch vor 800 Jahren?
Der Rechercheaufwand war schon erheblich, was aber auch daran liegt, dass ich gerne alles genau wissen möchte und mich in Details verbeißen kann. Am schwierigsten war es, die ganz profanen Alltagsdinge herauszufinden: wie lange dauerte eine Pilgerreise von Braunschweig nach Jerusalem?, zum Beispiel. Zum Glück gibt es in Kassel eine tolle Stadtbibliothek und eine wunderbare Universitätsbibliothek, so dass ich meine Fragen meist schnell beantworten konnte.
Ich betrachte Recherche einerseits als Herausforderung, um wirklich das Detail zu finden, das mich interessiert. Andererseits macht es mir unglaublich Spaß, etwas Neues zu lernen und mich in Themen einzuarbeiten, die mir vorher fremd waren. Und es ist jedes Mal ein tolles Gefühl, wenn ein historisches Ereignis zu meiner groben Idee des Ablaufs passt, wie zum Beispiel Gerard de Ridefort, auf den ich erst relativ spät gestoßen bin und den ich mir gleich „ausgeborgt“ habe. 
PS: Eine (Pilger-)Reise von Braunschweig nach Jerusalem dauerte, wenn alles gut lief und nur wenige Wartezeiten auftraten, zwischen drei und vier Monaten.

3. War es für Frauen im Hochmittelalter wirklich möglich, alleine eine Reise zu planen?
Leonore ist ja nicht ganz allein gereist, sondern hat eine weite Strecke des Weges mit einer Pilgergruppe zurückgelegt. Das war für Frauen im Hochmittelalter eine Möglichkeit, aus ihren Heimatorten „rauszukommen“. Auch an den Kreuzzügen haben Frauen teilgenommen, zum Beispiel als Ehefrauen oder als Dienerinnen. Für eine Händlersgattin wie Leonore allerdings war eine Pilgerreise ohne ihren Ehemann sehr, sehr ungewöhnlich. Sie brauchte ein starkes Motiv, um aus ihrer Rolle auszubrechen und sich  auf den Weg ins Heilige Land zu begeben. Amazon

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